Es wird klopfen

von Janis El-Bira

Heidelberg, 15. Februar 2017. Das erste Geräusch, das man noch im Halbdunkel hört, ist das von Gummihandschuhen, die schmatzend über Männerhände flutschen. In der Leichenhalle von "La cautiva" ist der tote, nackte Soldat auf dem Seziertisch ein Häuflein Biomasse. Aus seinen Taschen ziehen der Pathologe und ein Assistent (Alaín Salinas) die bescheidenen Relikte eines gelebten Lebens: Lolli, Kondom, Schlüsselanhänger.

Fußballergebnisse werden diskutiert. Im Radio feiert man Karfreitag. Alles muss schnell gehen, denn während des bewaffneten Konflikts in Peru herrscht hier im Jahr 1984 Durchgangsbetrieb. Irgendwann wird der Tote zusammen mit einer anderen Leiche auf ein Transportwägelchen geklatscht. Der Pathologe quetscht die beiden aneinander. Umarmen sollen sie sich, als seien sie ein Liebespaar.

Schändung noch im Tod

Was am Beginn der Inszenierung von Regisseurin Chela De Ferrari schon allein durch eisgrauen Naturalismus schaudern lässt, steigert sich ins Bestialische, wenn die nächste Leiche herangerollt wird. Ein erschossenes, 14-jähriges Mädchen (Nidia Bermejo), das vom Assistenten gewaschen und "schöngemacht" werden soll. Eine Gruppe aufgegeilter Soldaten wartet vor der Tür bereits darauf, sie auch im Tod noch zu schänden. Die Tochter von linksextremen "Terroristen" gilt ihnen nicht mehr als ein Stück Vieh. Kadaver, nicht Leichnam. Als das Mädchen jedoch kurz darauf unvermittelt die Augen aufschlägt und zu sprechen beginnt, fällt der Assistent fast vornüber und das Theater aus der Zeit.

Denn was nun folgt, ist mit einem Wort: Retro. Ein Schauspielertheater mit sich gen Himmel ringenden Händen, im Schreck abbrechenden Bühnensprints und echtem, quasi ausgestorbenem Beiseitesprechen. Das Pathos wallt meterhoch und die Gesten wirken oft wie ausgestanzt. Aber das zerstört nichts, denn überall spürt man die tiefe Dringlichkeit dieser Geschichte und den Wunsch, eine ihr adäquate Theatersprache im Rahmen der verfügbaren Mittel zu finden.

Wie eine barocke Pietà

Und was ist das überhaupt für eine Geschichte! Die wandelnde Tote erzählt von jenen Dingen aus ihrem Leben, die uns ganz wesentlich zu Menschen machen: Eis essen, einen Badeanzug kaufen, im Meer schwimmen, ein Spiegelei anpieksen, damit das Eigelb herausfließt. Und der Assistent, unsicher, ob er noch bei klarem Verstand ist, geht das alles mit, spielt irgendwann sogar die Großmutter und den ersten Freund des Mädchens und feiert mit ihr fünfzehnten Geburtstag. Sie glaubt ihm jede Rolle, weil nur die Gesetze des Theaters gelten in dieser Nacht zwischen Leben und Tod, Schall und Wahn.

Er öffnet dieses magisch-realistische Phantasiereich in der schönsten Szene des Abends, wenn er tatsächlich ihren Körper wäscht und ihn behutsam hält wie in einer barocken Pietà. Nicht freilich, um ihn den Soldaten zu überlassen, sondern weil er die Toten "wie neu geboren" aussehen lasse, sobald sie zu ihm gebracht werden. Es ist die Achtung der Würde, mit der die Freiheit beginnt. Zum tieftraurigen Kern dieses sehenswerten Abends gehört, dass letztere nur im Halluzinierten ihren Platz findet. An der Tür zur Leichenhalle wird es klopfen.

La cautiva (Die Gefangene)
Text: Luis Alberto León, Regie: Chela De Ferrari, Choreografie: Ana Correa, Produktion: Renato Costa, Mariana Soria Castro, Assistenz: Carlos Galiano, Bühne/Kostüm: Chela De Ferrari, Luis Alberton León, Recherche: Luis Rodríguez Pastor, Ton: José Balado, Licht: Jesus Reyes, Charango Martin Choy, Sprecher: Leo Casas.
Mit: Nidia Bermejo, Alaín Salinas, Emilram Cossio, Carlos Victoria, Jesús Tantalean, Rodrigo Rodriguez.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten

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